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Kinder trauern: Wovor können wir Kinder wirklich schützen?

  • 29. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Der Umgang mit Tod und Sterben fällt uns oft schwer – und Gespräche darüber mit Kindern erst recht. Sowohl in meinem privaten Umfeld als auch in meiner Arbeit höre ich immer wieder den Satz: „Davor sollten wir unsere Kinder schützen.“


Kinder trauern: Gastbeitrag von Trauerbegleiterin Lisi Weihs
Gastbeitrag von Trauerbegleiterin Lisi Weihs

Dieser Wunsch entsteht meist aus Liebe und dem Bedürfnis, Kinder vor Schmerz zu bewahren. Doch was bedeutet das eigentlich? Wovor können wir Kinder tatsächlich schützen – und wovor nicht?


Gastbeitrag von Lisi Weihs


Was Kinder wirklich stärkt


Der Wunsch, unsere Kinder vor Leid zu schützen, ist zutiefst menschlich. Ich würde ihn als zweifache Mama sofort unterschreiben. Doch können wir sie vor Leid in Bezug auf Sterben und Tod bewahren?


Und hier ist schon der erste Knackpunkt. Denn die Antwort darauf ist ernüchternd: Nein. Wir können weder verhindern, dass unsere Kinder Verluste erleben, noch dass Menschen in ihrem Umfeld sterben.Ich vermute, die meisten von uns stimmen dieser Aussage zu.


Schwieriger wird es bei der Frage, wie wir damit umgehen. Vielleicht denken wir: Wenn ich es schon nicht verhindern kann, dann erzähle ich es meinen Kindern einfach nicht. Wir kaufen ein neues Haustier, wenn eines stirbt. Wir erfinden eine Geschichte, dass es jetzt an einem anderen Ort ist. Wir erwähnen nicht, dass jemand im Umfeld gestorben ist, oder nehmen die Kinder nicht zum Begräbnis mit.

Egal welche Varianten es noch gibt – sie haben eines gemeinsam: Das Kind erfährt die Wahrheit nicht von den Erwachsenen.


Der Haken daran ist, dass Kinder meist sehr genau spüren, wenn etwas anders ist. Sie nehmen wahr, dass die Stimmung verändert ist oder Erwachsene sich ungewohnt verhalten. Wenn gleichzeitig vermittelt wird, dass „alles in Ordnung“ sei, können Kinder beginnen, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.


Und vielleicht erfahren sie Jahre später die Wahrheit. Dann trifft sie nicht nur der Verlust nachträglich, sondern oft auch Unverständnis oder Wut auf die Erwachsenen.


Hier kommt für mich der zweite Knackpunkt: Selbst wenn Kinder später besser verstehen, was Tod bedeutet, haben sie häufig keinen Umgang damit gelernt. Sie hatten keine Erwachsenen als Vorbilder, die offen mit Trauer umgegangen sind, und wurden auch nicht darin begleitet, einen eigenen Weg im Umgang mit Verlust zu finden.


Was hilft Kindern stattdessen?

Wir können unsere Kinder nicht vor jedem Verlust bewahren, aber wir können sie dabei begleiten. Wir können ihnen Worte geben, ihre Fragen ernst nehmen und ihnen zeigen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind. Genau darin liegt eine große Chance, ihre Resilienz zu stärken.


Deshalb möchte ich Eltern und andere Erwachsene ermutigen, mit Kindern über Tod und Sterben zu reden. Egal wie alt Kinder sind – sie brauchen Ehrlichkeit sowie eine altersgerechte und konkrete Sprache.


Ich komme noch einmal auf meinen ersten Gedanken zurück: Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Wir wünschen uns, dass sie gestärkt durchs Leben gehen und lernen, mit Herausforderungen und Krisen umzugehen.


Im Anschluss habe ich deshalb einige Impulse zusammengestellt, die dabei unterstützen können.


Ich bin davon überzeugt, dass Kinder langfristig davon profitieren, wenn wir offen und ehrlich mit ihnen über Tod und Sterben sprechen und sie in Verlustsituationen gut begleiten. Das kann ihre Resilienz stärken, ihnen Sicherheit im Umgang mit Abschied und Trauer vermitteln und ihnen wertvolle Ressourcen mit auf ihren Lebensweg geben.


Vielleicht merken wir dabei sogar, dass nicht nur unsere Kinder lernen. Auch wir Erwachsenen dürfen eigene Erfahrungen neu betrachten, alte Glaubenssätze hinterfragen und daran wachsen. 😉


Impulse


Was Kinder stark macht im Umgang mit Tod und Sterben:


  • Seien Sie offen für das Thema Tod und Sterben. Gehen Sie auf Fragen Ihres Kindes ein und signalisieren Sie, dass darüber gesprochen werden darf.

  • Seien Sie ehrlich. Altersgerechte Informationen geben Kindern Sicherheit. Sie müssen nicht auf jede Frage eine Antwort wissen – auch ein ehrliches „Das weiß ich gerade nicht.“ ist in Ordnung.

  • Finden Sie gemeinsam Worte. Bilder- und Kinderbücher können dabei eine wertvolle Unterstützung sein. Nennen Sie das Sterben beim Namen und vermeiden Sie missverständliche Formulierungen wie „eingeschlafen“ oder „von uns gegangen“. Es kann hilfreich sein, das Thema bereits anzusprechen, bevor ein nahestehender Mensch stirbt. Die Natur (z.B. tote Tiere, die gefunden werden) oder Geschichten in Büchern bieten oft gute, ungezwungene Anlässe für solche Gespräche.

  • Zeigen Sie Ihre Gefühle. Sie dürfen vor Ihrem Kind traurig sein und weinen. Wenn Sie Ihre Gefühle benennen, lernt Ihr Kind, dass Trauer, Angst oder Wut normale Reaktionen sind. Ermutigen Sie auch Ihr Kind, die eigenen Gefühle auszudrücken.

  • Wenn es möglich ist, bereiten Sie Kinder auf Abschiede vor. Wenn ein Besuch bei einem sterbenden Menschen oder ein Begräbnis bevorsteht, erklären Sie Ihrem Kind möglichst genau, was es erwartet. Bleiben Sie währenddessen an seiner Seite und geben Sie ihm Sicherheit.



Lesetipp


Geht Sterben wieder vorbei?

Mechthild Schroeter-Rupieper, Imke Sönnichsen

Marlene und Pauls Opa stirbt. Das Buch begleitet die Kinder bis zur Verabschiedung und darüber hinaus. Zwischendurch gibt es sachliche Infos rund ums Thema Sterben und Tod und am Ende ein paar Tipps für Erwachsene.



Aus meinem Netzwerk 

In dieser Rubrik stelle ich in jedem Newsletter eine spannende Person aus meinem Netzwerk vor, indem ich ihr eine Frage stelle. Dieses Mal ist es Deborah Obermann, die Erinnerungsschmuck herstellt.

Deborah, du fertigst Erinnerungsschmuck an und eine Besonderheit ist, dass du das auch für Sternenkindeltern machst. Wie kann ich mir dasvorstellen und was ist da alles möglich?

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Deborah Obermann: Was ich mache: Ich nehme das, was da ist – und sei es noch so klein – und mache daraus ein Schmuckstück, das man wirklich tragen oder in der Hand halten kann. Das kann eine Haarlocke sein, die zu einem Anhänger wird. Aschespuren, die in einen kleinen Stein eingearbeitet werden. Ein Fußabdruck, gegossen in Silber. Auch die Muttermilch, falls es sie noch gab, oder ein Stückchen von der Kleidung, die das Kind getragen hat.


Es gibt kein festes Programm dafür. Jede Familie schreibt mir erst, erzählt, was sie hat und was ihnen wichtig ist – und wir schauen gemeinsam, was daraus werden kann. Manchmal ist es nur ein winziges Detail, das am Ende trägt.


Was mir dabei besonders wichtig ist: Ich verspreche nie, dass das Stück den Schmerz nimmt. Das kann und will kein Schmuckstück leisten. Es soll nur begleiten können – etwas sein, das man in der Tasche trägt, wenn ein Tag schwer wird, ohne dass man erklären muss, warum.


 
 
 

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